Kuschelndes Paar im Bett

Sexualität und Behinderung – Einstieg und Begriffsklärung 

Behinderung und Sexualität. Die Relevanz dieses Themas mag für viele Nichtbetroffene zunächst nicht offensichtlich sein. Die Datenlage zeigt jedoch, dass Menschen – insbesondere Frauen – mit Behinderung als eine besonders verletzliche (vulnerable) Gruppe gelten. Aus diesem Grund möchten wir Menschen ohne Behinderung informieren und sensibilisieren. Gleichzeitig liegt uns besonders am Herzen, die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung zu stärken und den Begriff Verantwortung – für sich selbst und für andere – aus einem besonderen Blickwinkel zu betrachten. 

Vulnerabilität

Laut den Leitlinien „Promoting Sexual and Reproductive Health for Persons with Disabilities“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) gilt: Obwohl jede/r zehnte Mensch eine Behinderung hat, bleiben Personen mit Behinderungen oft unsichtbar.

Im UN-Frauen-Bericht „Sexual Harassment against Women with Disabilities in the World of Work and on Campus“ („Sexuelle Belästigung von Frauen mit Behinderungen in der Arbeitswelt und auf dem Campus“) wird aufgezeigt, dass in der EU 61 % der Frauen mit Behinderungen seit dem 15. Lebensjahr sexuelle Belästigung erlebt haben, gegenüber 54 % der Frauen ohne Behinderungen. Der Dachverband europäischer Einrichtungen für Menschen mit Behinderung (EASPD) gibt an, dass Frauen mit Behinderungen ein rund 40 % größeres Risiko haben, Opfer von sexuellen Übergriffen und Missbrauch zu werden. Wildwasser München e.V., Fachstelle für Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen, weist darauf hin, dass Frauen und Mädchen mit Behinderungen in Deutschland, besonders mit geistiger oder Lern-Behinderung, deutlich häufiger Opfer sexualisierter Gewalt werden. Das ist zwei- bis dreimal so oft (20-34 %) wie der Bevölkerungsdurchschnitt (10 %).

Außerdem fehlt jungen Menschen mit geistiger Behinderung oft der Zugang zu entsprechender sexueller Aufklärung sowie geeignete Vertrauenspersonen, mit denen sie über diese Themen sprechen können.

Wie angemessen ist die Bezeichnung „Behinderung“? 

Der Begriff „Behinderung“ ist grundsätzlich eine neutrale Beschreibung eines Merkmals und die Bezeichnung Mensch mit Behinderung ist somit korrekt und nicht abwertend. Dennoch wird in den letzten Jahren immer häufiger auch der Begriff der „Beeinträchtigung“ genutzt. 

Die „Disability Studies“ (eine interdisziplinäre Wissenschaft zur sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung rund um das Thema Behinderung) unterscheiden leicht zwischen „Beeinträchtigung“ und „Behinderung“. „Beeinträchtigung“ bezeichnet dabei die körperliche Seite, wie das fehlende Bein, die Querschnittslähmung oder Ähnliches. „Behinderung“ bezieht auch soziale Aspekte mit ein, zum Beispiel die mangelnde oder fehlende Barrierefreiheit und Teilhabemöglichkeit. Dadurch wird die Beeinträchtigung überhaupt erst zur Behinderung oder kurz: Menschen mit Einschränkungen werden in der Gesellschaft und im Alltag häufig behindert, wenn beispielsweise die Schrift zu klein ist oder die Stufen zu hoch sind. 

Mann im Rollstuhl steht vor einer Treppe, eine Frau sieht ihn beim Vorbeigehen komisch an
Foto von Getty Images auf Unsplash+

Daneben gibt es noch viele Wörter, die verletzend und beleidigend sind oder Ausdrücke, die cool klingen sollen, aber unpassend sind. Zur Aufklärung und eigenen Sicherheit empfehlen wir Leidmedien, auf deren Webseite es in der Kategorie “Tipps für Medien” neben Begriffen von A bis Z viele weitere hilfreiche Informationen gibt. 

Die Bedeutung von Sexualität

In den Empfehlungen der WHO zu „Brief Sexuality-Related Communication“ („Kurze Kommunikation zum Thema Sexualität“) wird die Sexualität als ein zentraler Aspekt des Menschseins über die gesamte Lebensspanne hinweg beschrieben. Sexualität umfasst biologisches Geschlecht, Geschlechtsidentitäten/-rollen, sexuelle Orientierung, Erotik, Lust, Intimität und Fortpflanzung. Sie äußert sich in Gedanken, Fantasien, Wünschen, Überzeugungen, Verhaltensweisen, Praktiken, Rollen und Beziehungen – wobei nicht alle Dimensionen immer gleichzeitig erlebt werden.

Es ist daher besonders wichtig, den Begriff Sexualität von seiner oft einseitigen und eingeschränkten Bedeutung zu lösen, die meist nur sexuelle Aktivität oder Sex umfasst, und ihn weiter zu fassen. Sex ist lediglich eine Ausdrucksform von Sexualität, also ein spezielles Verhalten, das Teil der Sexualität sein kann. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) definiert Sex wie folgt: „Sex bezieht sich auf alle Handlungen, die sexuell erregen. Sex ist mehr als nur Geschlechtsverkehr. Dazu gehören unter anderem auch Küssen, Streicheln und Oralsex.“

Sexualität mit Behinderung 

Laut WHO und UNFPA unterschätzen politische Entscheidungstragende die Zahl der Personen mit Behinderungen oft erheblich und nehmen fälschlicherweise an, dass sie sexuell nicht aktiv seien. Menschen mit Behinderung werden sehr häufig gefragt, ob sie denn überhaupt Sex haben können.
Die Frage impliziert, dass Menschen mit Beeinträchtigungen nicht als sexuell attraktiv und aktiv wahrgenommen werden und dass ihnen wenig sexuelle Selbstbestimmung oder Ausdrucksmöglichkeiten zugetraut werden.

Sexuelle Bedürfnisse und Risiken sind universell – eine Behinderung ändert also nichts an diesem urmenschlichen Grundbedürfnis. Wobei bei manchen aufgrund eines beispielsweise schwächeren Immunsystems ein höheres Infektionsrisiko besteht bzw. Infektionen gravierendere Folgen haben können. Die Art der Beeinträchtigung kann den Sex und die gelebte Zweisamkeit oder Mehrsamkeit (Sexpositiv und Polyamorie) beeinflussen, wenn es um bestimmte Stellungen, Praktiken und dergleichen geht.

Kuschelndes Paar im Bett
Foto von Claudia Love auf Unsplash

Wichtig ist, wie immer, Konsens, gegenseitiger Respekt, Fürsorge für die eigene Gesundheit und die der Partnerin bzw. des Partners sowie natürlich Lust, Zuneigung und gegenseitige Wertschätzung. Mit diesen Grundlagen steht einer erfüllten Beziehung und einem befriedigenden Sexualleben nichts im Wege. Gleichzeitig sollten fehlendes Wissen über Menschen mit Behinderung, der Abbau von Stigmatisierung und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit von großer Bedeutung sein.

Wichtige Sensibilisierungsbotschaften sind unter anderem:

  • Behinderung geht uns alle an.
  • Menschen mit Behinderungen haben ein Sexualleben.

Ebenso wichtig ist es, die Rechte von Menschen mit Behinderungen auf Respekt, Würde sowie auf sexuelle und reproduktive Gesundheit zu sichern.

Mehr zu diesem Thema, zu den Herausforderungen und zu Menschen, die mit dem Thema in die Öffentlichkeit gehen, erfahrt ihr demnächst in unserer Blogreihe.

Warum hilft die Bodypositivity-Bewegung auch Menschen mit Körperbehinderung? Welche speziellen Herausforderungen gibt es für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder kognitiver Einschränkung und Sexualität? Wie geht es queeren Menschen mit Behinderung? Auf all diese Fragen wollen wir in den kommenden Blog-Beiträgen Antworten finden.

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